Futterverweigerung beim Hund:
mäkeliger Esser oder ernsthafte Erkrankung?
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Während eine reduzierte Nahrungsaufnahme des Hundes vom Halter häufig pauschal als „Mäkeligkeit“ bezeichnet wird, reicht das Spektrum der Auslöser von erlernten Verhaltensmustern über versteckte Stressreaktionen bis hin zu schwerwiegenden Erkrankungen. Im Folgenden sollen die bekannten Faktoren erläutert werden. Diese Aufzählung kann jedoch aufgrund der Komplexität des Themas nicht abschließend sein.
Begriffserklärung
In der Veterinärmedizin und Tierverhaltenstherapie wird die Reduktion oder Einstellung der Nahrungsaufnahme anhand funktioneller Kriterien eingestuft:
- Anorexie: Der vollständige Verlust des Appetits bzw. die absolute Verweigerung jeglicher Nahrungsaufnahme trotz zur Verfügung stehenden Futters.
- Hyporexie: Eine Reduktion der täglichen Futteraufnahme, bei der der Energiebedarf des Tieres meist nicht mehr vollständig gedeckt wird.
- Dysrexie: Ein gestörtes oder verändertes Fressverhalten, das sich durch hochgradig selektive Nahrungsaufnahme, plötzliche Präferenzwechsel oder fehlgeleiteten Appetit (z.B.Pica-Syndrom) äußert.
- Pseudoanorexie: Das Tier besitzt ein intaktes Appetitgefühl und den Drang zur Nahrungsaufnahme, ist jedoch aufgrund mechanischer, entzündlicher oder schmerzbedingter Hindernisse im Bereich des Verdauungs- oder Bewegungsapparates physisch nicht in der Lage, Futter aufzunehmen, zu kauen oder zu schlucken.
Der „mäkelige Esser“: Charakter oder verdeckte Krankheit?
Häufig wird Hunden, die im Überfluss leben, vorgeworfen, sie wären lediglich „zur Mäkeligkeit verzogen“ worden. Hierbei ist gemeint, dass selektives Fressverhalten durch operative Konditionierung antrainiert wurde: verweigert der Hund eine angebotene Ration und bietet der Halter daraufhin unmittelbar attraktivere Alternativen wie Nassfutter, Fleisch oder Tischabfälle an, wird das Verweigerungsverhalten positiv verstärkt. Der Hund lernt, dass Futterverweigerung zu einer sofortigen Aufwertung der Nahrung führt.
Demgegenüber steht die medizinisch betrachtete Realität: in einer Vielzahl als „mäkelig“ deklarierter Fälle liegt eine Erkrankung zugrunde. Schleichende Magen-Darm-Erkrankungen wie chronische Entzündungen der Verdauungsorgane, Reflux, Übelkeit sowie wiederkehrender Schmerz führen über das Prinzip der erlernten Geschmacksaversion (Garcia-Effekt) dazu, dass der Hund das Futter meidet. Da Hunde Futterkomponenten schnell mit erlebter Übelkeit oder Schmerz verknüpfen, verweigern sie das betreffende Futter spätestens nach wenigen Gaben. Wird dem Hund dann ein neues Futter angeboten, frisst er dieses anfangs gut, bis das Unwohlsein erneut auftritt. Dies führt zu dem typischen Bild des „ständig mäkelnden“ Hundes, der immer wieder ein neues Futtermittel als Anreiz benötigt.
Im Allgemeinen ist die zugrundeliegende Motivation des Hundes oft schon dadurch erkennbar, ob der Hund weiterhin bettelt bzw. eine Futterverbesserung des Halter abwartet oder sich ablehnend bis fluchtartig von angebotenen Futtermitteln entfernt. Bei Ersterem muss allerdings beachtet werden, dass auch die Art des Futters (beispielsweise hartes Trockenfutter wird verweigert, weiches Futter – oft Menschennahrung vom Tisch- wird wiederum gefressen) auf Erkrankungen (bspw. Zahnschmerzen) zurückgeführt werden kann und nicht immer eine „Verwöhntheit“ vorliegen muss.
Altersbedingte Veränderungen der Futteraufnahme
Mit fortschreitendem Lebensalter verändern sich der Stoffwechsel und das Fressverhalten des Hundes. Im Alter sinkt die Ruheumsatzrate (Basal Metabolic Rate) kontinuierlich ab, was auf den Verlust an Muskelmasse und eine Reduktion der allgemeinen körperlichen Aktivität zurückzuführen ist. Dementsprechend nimmt der tägliche Kalorienbedarf ebenfalls ab.
Zusätzlich treten physiologische Degenerationsprozesse auf:
Der Verlust an funktionellen Geruchs- und Geschmacksrezeptoren reduziert die sensorische Attraktivität der Nahrung erheblich. Da der Geruchssinn beim Hund der primäre Auslöser für die Einleitung der Verdauung mit Speichel- und Magensaftsekretion ist, führt eine Verminderung der Sensorik direkt zu vermindertem Appetit. Diese Störung ist auch bei Menschen mit Demenz häufig zu beobachten, bei welchen oftmals mit süßen Speisen vorübergehend Abhilfe geschaffen werden kann. Da beim Hund die abnehmende Riechleistung im Vordergrund steht, kann mit besonders geruchsintensiven Speisen (Pansen, Käse, Fischöl, Räucheraroma) ein Anreiz geschaffen werden.
Zahnerkrankungen, wie Parodontitis, Zahnwurzelabszesse und Gingivitis und Epuliden führen im Alter häufig zu Pseudoanorexie aufgrund massiver Kauschmerzen.
Fortgeschrittene Arthrosen in den Schulter- oder Halswirbelgelenken machen das Absenken des Kopfes zum Futternapf schmerzhaft. Auch Bandscheibenvorfälle sollten berücksichtigt werden, insbesondere bei Dackeln, welche rassebedingt dazu prädestiniert sind, im Laufe ihres Lebens teilweise sogar mehrere Bandscheibenvorfälle anzusammeln.
Neurodegenerative Prozesse im Gehirn (vgl. „Demenz“) älterer Hunde führen zu einer Störung von Tag-Nacht-Rhythmen und der Störung von Hunger- und Sättigungssignalen im Hypothalamus.
Wann frisst ein Hund zu wenig?
Eine unzureichende Kalorien- und Nährstoffzufuhr wird kritisch, wenn der Hund seinen Erhaltungsenergiebedarf über einen längeren Zeitraum unterschreitet. Ein kompletter Nahrungsentzug (Anorexie) von mehr als 48 Stunden stellt bei ausgewachsenen Hunden einen medizinischen Notfall dar, da die hepatischen Glykogenspeicher rasch erschöpft sind und der Organismus auf den Abbau von körpereigenem Protein und Fettgewebe umschaltet. Bei Welpen, Junghunden sowie Toy-Rassen kann eine Anorexie bereits nach 12 bis 24 Stunden zu einer lebensbedrohlichen Hypoglykämie führen.
Eine chronische Hyporexie wird klinisch als relevant eingestuft, wenn das Tier über einen Zeitraum von mehr als zwei Wochen konstant weniger als 75 % seines Erhaltungsbedarfes aufnimmt.
Evolutionsbiologische Unterschiede
Die Verdauungsphysiologie unterscheidet sich zwischen der Stammform des Hundes, dem Wolf, urtypischen Hunderassen und modernen Begleithunderassen beträchtlich.
Während manche Rassen zu rascher Sättigung neigen, zeigen andere genetisch verankerte Hyperphagien (übermäßigen Appetit). Ein wissenschaftlich belegtes Beispiel ist die Mutation im Pro-Opiomelanocortin (POMC)-Gen, die insbesondere bei Retriever-Rassen dokumentiert wurde. Bei etwa 25 % der Labrador Retriever und rund 66 % der Flat-Coated Retriever liegt eine spezifische 14-Basenpaar-Deletion im POMC-Gen vor. Diese Mutation führt dazu, dass die Neuropeptide beta-Melanocyt-stimulierendes Hormon und beta-Endorphin im zentralen Nervensystem nicht mehr synthetisiert werden können. Die melanocortinerge Signaltranskription im Nucleus arcuatus des Hypothalamus, der Schlüsselweg für die Vermittlung von Sättigungsgefühl, ist dadurch blockiert. Diese Veranlagung führt dazu, dass betroffene Hunde chronischen Hunger empfinden, bei freiem Zugang extrem große Futtermengen aufnehmen und gleichzeitig aufgrund des reduzierten Grundumsatzes rasch an Gewicht zunehmen. Das Fehlen dieses Phänomens bei anderen Rassen erklärt wiederum deren vergleichsweise erhöht erscheinende Sensibilität gegenüber Futterwechseln oder Umweltstressoren, die rasch in Inappetenz umschlagen kann. Dieser Fakt ist zu berücksichtigen, wenn bislang Retriever gehalten worden sind und der neue Hund nicht einer solch prädestinierten Rasse entspricht, da es zur Wahrnehmungsverzerrung des Halters durch Gewohnheit führen kann.
Straßenhunde vs. Haushunde
Straßenhunde leben in einer Umwelt, die durch begrenzte Ressourcen gekennzeichnet ist. Als opportunistische Aas- und Abfallfresser ernähren sie sich primär von organischen Abfällen menschlicher Siedlungen. Ihr Überleben hängt von der Fähigkeit ab, Nahrung effizient aufzuspüren und rasch zu konsumieren. Aufgrund von Futterkonkurrenz zeigen freilebende Hunde selten klassische „Mäkeligkeit“, Futterverweigerung existiert in diesen Populationen (und Ehemaligen) nahezu ausschließlich als klinisches Leitsymptom von Erkrankungen oder chronischem Stress. Adoptierte, ehemalige Straßenhunde, die sich wählerisch oder mäkelig zeigen, zeigen meist zusätzliche Stressymptome wie mangelnde Anpassungsfähigkeit, Hypervirgilanz, teilweise auch Erbrechen und Durchfall, wodurch mindestens eine psychologische Überbelastung angenommen werden muss. Eine Nichtbeachtung dieser Symptome kann zu Folgeschäden wie Entzündungen der Magenschleimhaut oder Immunsuppression führen.
Im Gegensatz dazu lebt der deutsche Haushund im Wohlstand. Da der Energiebedarf kontinuierlich und ohne Eigenleistung gedeckt wird, sinkt die Motivation zur Futterbeschaffung. Diese Motivation kann durch Jagd- und Suchspiele künstlich erzeugt werden.
Beurteilung des Ernährungs- und Hydratationszustands
Um objektiv festzustellen, ob ein Hund chronisch oder akut zu wenig frisst, reicht das bloße Wiegen nicht aus. Der klinische Status wird anhand von Fettreserven, Muskelmasse und Hydratation bestimmt. Die Messung des Body Condition Score (BCS) mittels visueller und palpatorischer Beurteilung der Fettreserve liefert das Maß für den Fettgehalt, während der Muscle Condition Score (MCS) den Abbau der Skelettmuskulatur erfasst. Ergänzend wird der Hydratationsstatus über den Turgor der gezogenen Hautfalte, die Feuchtigkeit der Schleimhäute oder auch laborchemische Indikatoren wie das spezifische Uringewicht und den Hämatokrit bestimmt.
Für den Halter bedeutet dies: besitzt der Hund fühlbare Fettdepots trotz länger anhaltender „Mäkeligkeit“, treten die Rippen nicht deutlich sichtbar hervor, sind die Schleimhäute im Maul gut durchblutet und hydriert und springt eine hochgezogene Hautfalte schnell zurück in den glatten Ursprungszustand, liegen für gewöhnlich keine sichtbaren Anhaltspunkte für eine längerfristige Unterernährung oder einen akuten Notfall vor (solange sich keine weiteren Symptome abzeichnen). Erfahrungsgemäß sorgen sich insbesondere ältere Hundehalter bei stagnierender Futteraufnahme ihres Hundes, auch wenn diese Hunde bereits mehrere Kilo zu viel auf den Rippen haben. Hier kann sich über längere Zeit eine verzerrte Wahrnehmung des Halters aufgebaut haben, die bei saisonalen oder altersbedingten Appetitschwankungen des Hundes dann in akute Sorge umschlägt.
Appetitlosigkeit durch Erkrankungen
Erkrankungen sind die häufigste Ursache für das plötzliche oder chronisch-rezidivierende Auftreten von Anorexie und Hyporexie.
Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts und des Bauchraums
Infektiöse, toxische oder allergisch bedingte Entzündungen der Magen-Darm-Schleimhaut im Rahmen einer Gastritis oder Gastroenteritis führen über eine Freisetzung von Histamin, Serotonin und Prostaglandinen zur Reizung der Nervenfasern von den Organen zum Gehirn. Dies aktiviert das Brechzentrum in der Medulla oblongata und induziert akute Übelkeit sowie Anorexie. Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen bewirken entzündete Darmabschnitte eine Malabsorption, Mikrobiom-Dysbiosen, Schmerzen und eine kontinuierliche Zytokinfreisetzung eine Hemmung auf das Appetitzentrum im Gehirn.
Eine akute oder chronische Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse) stellt eine weitere gravierende Ursache dar. Die Selbstverdauung des Pankreasgewebes durch vorzeitig aktivierte Zymogene löst Schmerzen im oberen Bauchraum aus. Der intensive Schmerzreiz führt zusammen mit der Freisetzung von Entzündungsmediatoren zu einer Hemmung der Magen-Darm-Motilität bis hin zur komplettem Anorexie. Lebensbedrohliche Zustände wie die akute Magendrehung verursachen extreme Druckschmerzen, akute Pseudoanorexie und erfolgloses Würgen.
Desweiteren können Fremdkörper, Invaginationen oder Neoplasien den Passagezyklus der Nahrung durch den Verdauungstrakt unterbrechen.
Eine Peritonitis (Bauchfellentzündung) infolge einer Darmperforation oder einer rupturierten Pyometra (Gebärmuttervereiterung; ein sehr häufiges Phänomen bei älteren, unkastrierten Hündinnen) geht mit extremem Druckschmerz massiven Entzündungsreaktion einher. Eine Pyometra kündigt sich dabei oft mit zusätzlich anhaltenden Läufigkeitssymptomen und/oder Schmerzsymptomen an und wird in vielen Tierarztpraxen in ihrer Häufigkeit noch heute unterschätzt und zu spät diagnostiziert.
Bei Lebererkrankungen kann diese Abbaustoffe und Gifte nicht mehr gut aus dem Blut filtern. Diese Gifte wandern zum Gehirn, reizen dort ein bestimmtes Brech-Zentrum (die Chemorezeptor-Triggerzone) und lösen dadurch Brechreiz aus. Tumoröse Raumforderungen im Bauchraum, insbesondere an Milz und Darm, verursachen neben Druckschmerz und die Ausschüttung von Botenstoffen, welche den Appetit unterdrücken könen. Dabei nimmt die Symptomatik bei tumorösen Veränderungen oft über einen längeren Zeitraum schleichend zu, was dazu führt, dass andere Erklärungsversuche wie „Mäkeligkeit“ oder „Altern“ in den Vordergrund rücken und eine tierärztliche Diagnostik erst verzögert in Anspruch genommen wird.
Mindestens eine Ultraschalluntersuchung der Organe ist bei abweichendem Fressverhalten deshalb zu Beginn der Diagnostik immer anzuraten. Von rein pseudowissenschaftlichen, unwirksamen Behandlungsversuchen, die insbesondere bei der Fütterungsproblematiken noch oft zum Einsatz kommen (haupts. Homöopathie und Bioresonanztherapie), ist aufgrund der Dringlichkeit vieler Erkrankungen strikt abzusehen.
Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems
Das Fressverhalten wird durch ein komplexes Netzwerk im Gehirn gesteuert, an dem das limbische System (Wahrnehmung & Beurteilung), der Hypothalamus (Überwachungs- und Steuerungszentrum) und die Medulla oblongata (Steuerung und Kommunikation mit den Organen) beteiligt sind. Raumfordernde Prozesse wie Meningeome, Gliome oder Hypophysenadenome sowie entzündliche Veränderungen im Rahmen einer Granulomatösen Meningoenzephalomyelitis (Hirnhautentzündung), die den Nucleus arcuatus oder den ventromedialen Hypothalamus schädigen, zerstören die neuronalen Zentren für Hunger- und Sättigungssignale vollumfänglich.
Ein erhöhter intrakranieller Druck durch Schädel-Hirn-Traumata, Hydrozephalus oder Tumoren führt zu einer Kompression des Hirngewebes, was Benommenheit, zentrale Übelkeit und Anorexie nach sich zieht. Störungen des Vestibularapparats (Gleichgewichtsorgan) beim peripheren oder zentralen Vestibulärsyndrom erzeugen fehlgeleitete Signale, welche an die Chemorezeptor-Triggerzone (Steuerung Erbrechen) weitergeleitet werden und lösen massive Bewegungskrankheit mit Übelkeit und Futterverweigerung aus.
Endokrine Erkrankungen und Hormonstörungen
Der Hypoadrenokortizismus (Morbus Addison) basiert auf einer meist immunvermittelten Zerstörung großer Teile der Nebennierenrinde. Dies führt zu einem Mangel an Glukokortikoiden (Cortisol) und Aldosteron. Cortisol ist u.a. essenziell für die Aufrechterhaltung des Blutglukosespiegels und der Magen-Darm-Schleimhaut. Der Cortisolmangel führt zu Ulzerationen, Entzündungen, chronischer Hypoglykämie und Inappetenz. Der Aldosteronmangel führt zu gesteigertem Natrium- und Wasserverlust, sodass ein vermehrtes Trinkverhalten auffällig sein kann.
Auch Nierenerkrankungen wirken sich auf das Fress- und Trinkverhalten aus. Beim Diabetes mellitus führt der Insulinmangel zum auffälligen Abbau von Körperfett bei zunächst meist normalem bis gesteigerten Appetit. Überproportional häufig erkranken kleine Hunde im fortgeschrittenen Alter. Die gebildeten Ketonkörper Acetoazetat und beta-Hydroxybutyrat verursachen eine Übersäuerung des Blutes, was das ZNS schädigt und später schwere Anorexie auslöst. Diabetes mellitus kann zu Wahrnehmungsstörungen wie Desorientierung und Ängsten führen, was leider auch in der Humanmedizin häufiger als „Demenz“ abgetan und in der Folge nicht weiter berücksichtigt wird.
Neurobiologie und Stressreaktionen
Psychogene Stressfaktoren
Die Regulation der Nahrungsaufnahme und der Magendarmmotilität steht unter der strikten Kontrolle des Autonomen Nervensystems. Sympathikus (Anspannung) und Parasympathikus (Entspannung) wirken auf die Verdauung. Steht ein Hund unter Stress, schüttet der Hypothalamus das Peptid Corticotropin-Releasing Factor (CRF) aus. CRF wirkt als einer der stärksten zentralen Appetitzügler. Gleichzeitig führt die Aktivierung des Sympathikus zur Verlangsamung der Magen-Darm-Passage. Ein Hund im Sympathikustonus ist physiologisch nicht in der Lage, Verdauungsprozesse effizient durchzuführen. Die Futterverweigerung stellt in diesem Zustand eine Schutzreaktion des Organismus dar, der darauf vorbereitet ist, akut Fliehen oder Kämpfen zu können. Zur Wiederaufnahme der Verdauung ist daher der entspannte Zustand, der Parasympathikus, notwendig. Manche Hunde sind nach traumatischen Erlebnissen, aufgrund ihrer rassespezifischen Veranlagung oder durch Überforderung mit ihrer Umwelt den überwiegenden Teil der Zeit im „Alarmmodus“, also im Sympathikus, was sich dauerhaft auf die Verdauung und entsprechend den Appetit auswirkt. Viele dieser Hunde in Dauererregung entwickeln langfristig zusätzliche Störungen wie Magengeschwüre, Sodbrennen, Blähungen oder Durchfall, welche den Appetit zusätzlich negativ beeinflussen. Besonders häufig betroffen sind ehemalige Auslandshunde, Hunde aus Vermehrerstationen sowie Hunde im Tierheim, welche mit ihrem Lebensumfeld chronisch überfordert sind und nicht zur Ruhe finden. Auch nach der Vermittlung in eine passende Umgebung bleiben diese Problematiken oftmals (in geringerer Ausprägung) erkennbar.
Hyporexien und Anorexien erhalten sich durch eine Daueraktivierung der Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse). Zu den relevantesten Stressoren zählen Trennungsangst und Verlusterlebnisse, Veränderungen der Territoriums- und Sozialstruktur wie Umzüge oder Neuzugänge von Menschen und Artgenossen, Konkurrenz am Futterplatz und Bedrohungssituationen im Alltag (zB. Neophobie oder regelmäßige Aggression). Zudem induzieren akute Lärmereignisse bei Geräuschphobien eine Sympathikusaktivierung, die oft noch Tage nach dem Ereignis in Form von Hypervigilanz und Inappetenz nachwirkt. Dies stellt ein häufiges Problem geräuschempfindlicher Hunde um den Jahreswechsel herum dar, wenn das Fressen in Erwartung eines Knalls für mehrere Tage bis Wochen beinahe vollständig eingestellt wird. Im letztgenannten Fall ist dringend frühzeitig mit einem Desinsibilisierungstraining zu beginnen, oft empfohlene Ergänzungsfuttermittel wie CBD-Öl oder Alpha-Casozepin können derart hohe Stressbelastungen nicht ausreichend abpuffern.

Hunde, welche im Tierheim „mäkelig“ fressen oder trotz Futteraufnahme stark abnehmen, sind mindestens als psychologische Notfälle zu betrachten und sollten dringlich in einer Pflegestelle untergebracht werden.
Anmerkung: Dieser Artikel basiert auf eigenen Erfahrungswerten. Die aufgeführten Krankheitsbilder wurden mit dem Buch: „Praktikum der Hundeklinik (2017),Georg Thieme Verlag KG" abgeglichen. Es wird keine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben übernommen. Zur medizinischen Einschätzung kontaktieren Sie bitte zeitnah einen Tierarzt.
Weitere recherchierte Quellen: (folgt)
