Spezifisches Ausdrucksverhalten von Hühnern bei Schmerz und Krankheit

Hühner besitzen, wie Säugetiere auch, eine umfangreiche Anzahl an Schmerz- und Tastrezeptoren. Besonders unter den Flügeln und an den Beinen sind sie vermutlich äußerst empfindlich, da sie an diesen Körperstellen eine besonders hohe Anzahl dieser Rezeptoren aufweisen. Sie zeigen Unwohlsein kaum in der Mimik, daher muss auf die gesamte Körperhaltung geachtet werden. Einige schmerztypische Körperhaltungen können auch kurzzeitig im Ruhezustand (Einschlafphase), beim Sandbaden oder Brüten beobachtet werden – hier kommt es auf die Beurteilung des Tierbesitzers an, wann ein Symptom für das jeweilige Huhn „untypisch“ ist, also ohne plausiblen Zusammenhang auffallend oft oder auffallend lange gezeigt wird. Das erste Warnsignal ist oft, dass das Huhn müder wirkt, als sonst.


Folgende Symptome gelten als Unwohlsein, Stress- oder Schmerzanzeiger: 

  • Schwanzposition: waagerecht oder nach unten gerichtet
  • Kopfposition: eingezogen, bei Schnabelatmung kann der Hals auch gestreckt sein
  • Augen: halb bis vollständig geschlossene Augen, verlangsamtes Öffnen der Augen, Pupillenverzerrung, Fixierungsprobleme
  • Schnabelöffnung: Hecheln (normal bei Wärme oder plötzlichem Temperaturanstieg)
  • Flügelhaltung: tief getragener oder hängender Flügel, oder auffällig angespannt an den Körper geklemmt
  • Beinhaltung: evtl. gebeugt, Füße nicht parallel gestellt, wiederholte Entlastung eines Beines
  • Gangbild: humpelnd, stolpernd, taumelnd (siehe Gleichgewichtsstörungen), Festliegen, Lähmungen
  • Gefieder: aufgeplustertes Gefieder, beginnend an Hals und Lende
  • Kamm: zyanotische Verfärbungen (Allg. Kreislaufstörung, zB. durch Fieber, Herz-/Nierenprobleme, Panikreaktion), verblasst (längere Erkrankung, Parasitenbefall, Tuberkulose, Leukose, Haltungsform ohne Tageslicht), verkleinert und leicht verblasst (Legepause, Mauser), schwarze oder braune Kammspitzen/-Flecken (Erfrierungen)
  • ungewöhnlich rote, anhaltende Gesichtsfärbung (Stresssymptom oder Beginn eines Infektes)
  • Kropfleerungsstörungen und Erbrechen; Durchfall (dauerhaft wässrig oder blutig oder schwefelgelb)
  • auffallend plötzliche oder fortschreitende Müdigkeit; manchmal verbunden mit häufigem Kopfschütteln
  • Nervosität, Hyperaktivität
  • Federpicken, Kannibalismus
  • Selbstverletzung


Typische Körperhaltung bei Unwohlsein und Schmerz, das Huhn wirkt „rund“ :

Soziale Auffälligkeiten

 

Typisch bei Stress und Schmerz sind das Absondern von der Gruppe oder Weghacken des kranken Huhnes durch die Gruppenmitglieder. Insbesondere abnorme Bewegungen, wie beispielsweise humpeln, machen die betroffene Henne schnell zum Opfer von Pick-Attacken.
Gestresste Hühner klagen manchmal auch langanhaltend und lautstark.

 


Gleichgewichtsstörungen

 

Durch raumfordernde Prozesse oder Entzündungen im Bereich der Lende bzw. des "lumbosakralen Organs" (Auslöser sind insbesondere der aktive linke Eierstock oder die Nieren) kann es zu Gleichgewichtsstörungen und Gangstörungen kommen, welche sich vom gelegentlichen Stolpern bis zum Festliegen ausdehnen können. Diese Störungen beziehen sich auf das Stehen und Gehen, während die Flügel und der Kopf vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr (Vestibularapparat) gesteuert werden und daher symptomfrei bleiben können.

Solche Veränderungen sind in der Regel nicht tastbar und es benötigt bildgebende Verfahren, um sie zu diagnostizieren!

 


Neurologische Auffälligkeiten

 

Hühner bepicken sich gegenseitig insbesondere auf den Kamm und den Hinterkopf. Aufgrund der stark gewölbten ("Protuberanz") und in der Folge teilweise löchrigen oder dünneren Schädelplatte haben Haubenhühner und Seidenhühner hierbei ein höheres Verletzungsrisiko. Auch Gehirnerschütterungen, Rückenmarks- oder Gehirnentzündungen sowie traumatische oder durchbruchsbedingte Impfschäden können Auslöser zentralnervöser Störungen sein.

 

Desweiteren ist die Herpesvirenerkrankung "Marek" für Nervenschädigungen (nach vorn und hinten weggespreizte Beine, gelähmte Becken-, Flügel-, und Verdauungsmuskulatur, Pupillenverzerrung etc.) bekannt. Ein auffälliges Kopfschütteln kann, neben allgemeinem Unwohlsein, auch auf Lichtsensitivität oder Geflügelspirochätose hinweisen.

 

 

Bilderstrecke zu Symptomen

Vorn: Kranke Henne mit eingezogenem Kopf, eng angelegten Flügeln, geschlossenen Augen 

Hinten: Gesunde Henne beim Sandbaden

Hechelnde Henne mit schwachem Kreislauf (Kamm fällt um) hier: Festliegen durch entzündlich vergrößerten Eierstock

Eingezogener Kopf, aufgeplustertes Gefieder, halb geschlossene Augen, keine Fixierung und nur müde Reaktion auf den Fotografen

Beginnende bläuliche (zyanotische) Verfärbung der Kammspitzen bei Kreislaufschwäche durch Krankheit (hier: schwere Leberschäden)

"Pinguin-Haltung": Das Huhn nimmt eine ungewöhnlich aufrecht bis senkrecht sitzende oder stehende Position ein. Das Ei soll so einfacher aus dem Legedarm austreten. Typische Haltung bei Legenot.

Das wiederholte Entlasten eines Beines im Stand weist auf Verletzungen am Fuß hin. Belatschte Hühnerrassen sind prädestiniert für ausgerissene oder entzündete Federkiele an den Füßen. Schwere Rassen und Legehybride neigen zu Ballenabzessen.

Tierarzt finden

 

Tierärzte, welche Hühner als Haustiere behandeln, sind rar. Auch bei Geflügelärzten geht die Diagnostik oftmals nicht über Palpation, Kotprobe oder Kropfabstrich am lebenden Tier hinaus. Deshalb möchte ich liebevollen Hühnerhaltern dringend diese Liste hühnerkundiger Tierärzte vom Rettet das Huhn e.V. ans Herz legen - sie kann Ihnen durch artentsprechende Diagnostik endlos lange und damit auch unnötig teure und nervenzehrende Behandlungsversuche ersparen.

 

Hühnerhalter, die ihre Tiere nicht als reine Nutztiere bewerten, sind in der Regel auf gute medizinische Kenntnisse und Fähigkeiten in der Selbsthilfe angewiesen. Leider sind die über Hühner erhältlichen Informationen im Internet, insbesondere auf Social Media- Kanälen, in der Regel mangelhaft bis gesundheitsgefährdend. Für Hobbyhalter ist deshalb das Buch Hilfe, mein Huhn niest von Katrin Sewerin empfehlenswert.

Hühner mit erschwerter Atmung halten sich aufrecht. Im Ruhen wird der Kopf leicht in den Nacken gelegt. Die Luftröhre wird häufig gestreckt und der Kropf oft bewegt. Typisch bei Atemwegsinfekten, kann jedoch auch bei sehr vollem Kropf auftreten, wenn dieser auf den Hals drückt. Sehr schwache Hühner legen sich ab.

 

 

Quellen und weiterführende Literatur

Jonas, S. ; Woernle, H. (2020): Geflügel gesund erhalten (5.Aufl.), S.12, Stuttgart: Eugen Ulmer KG

Abourachid, A. et al. (2011): Direct neurophysiological evidence for a non-vestibular gravitational sense in birds, Proceeding of the National Academy of Sciences 

Stanchak, K.E., Maga, A.H., Olson, E.R. (2020): The balance hypothesis for the avian lumbosacralorgan as an exploration of its morphological variation, Integrative Organismal Biology 

Dr. Sewerin, K. (2024): Hilfe, mein Huhn niest! Häufige Krankheiten bei Hühnern erkennen und behandeln, S.113 Stuttgart: Eugen Ulmer KG

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