Auslands- & Straßenhunde

über Adoption, Merkmale und Probleme in der Haltung

 

Inhalt

Ethologische Typologie

Aufzucht im Shelter

Folgen der Anbindehaltung

Adoption: rechtliche und medizinische Hürden

Leitfaden zur Eingewöhnung

Welpen und Junghunde adoptieren

Typische Problemverhaltensweisen

Zwischen Mitleid und Kriminalität

 

 

Die Adoption eines Straßen- bzw. Auslandshundes ist ein komplexes Unterfangen, das genau durchdacht werden muss und weit über die bloße Adoption aus Mitleid hinausgehen sollte. Es handelt sich um die Integration eines Tieres, das oft auf das Überleben in einer reizarmen oder feindseligen Umgebung eingestellt ist. Neurobiologische Veränderungen durch Deprivation und psychische Folgeerscheinungen von Isolation, Stress oder gar Misshandlung erfordern von den neuen Besitzern ein hohes Maß an Fachwissen, Geduld und Kompromissbereitschaft.

Ethologische Typologie

Das Verständnis der Herkunft und des genetischen Erbes von Auslandshunden ist grundlegend, um deren Verhalten im häuslichen Umfeld interpretieren zu können. Die Biologen Raymond und Lorna Coppinger haben durch ihre Forschung zur Evolution der Kaniden verdeutlicht, dass Hunde nicht primär durch menschliche Zähmung, sondern durch Selbstdomestikation in spezifischen ökologischen Nischen entstanden sind. 

Der Prototyp des Auslandshundes ist der sogenannte „Dorfhund“ (Village Dog). Dieser Hundetypus hat sich über Jahrtausende an das Leben in der Nähe menschlicher Siedlungen angepasst, ohne jedoch den Selektionsprozessen moderner Rassezucht unterworfen zu sein. Dorfhunde machen schätzungsweise über 80 % der weltweiten Hundepopulation aus. Sie zeichnen sich durch eine hohe genetische Variabilität aus, die sie von den oft durch Inzucht und isolierte Merkmalszucht geprägten Rassehunden unterscheidet. Während die moderne Hundezucht ohne Rücksicht auf natürliche Evolutionskriterien abläuft, unterliegt der Dorfhund der natürlichen Selektion auf Fitness, soziale Intelligenz und opportunistische Nahrungsbeschaffung. Diese Hunde sind begabt in der Kommunikation und verfügen über eine ausgeprägte Fähigkeit, auch menschliche Mimik und Intentionen zu lesen, da ihr Überleben in der Vergangenheit von der Kooperation mit oder der Duldung durch den Menschen abhing. 

 

Regionale Spezialisierungen und Rassecharakteristika 

In den Hauptentsendeländern des Auslandstierschutzes – vornehmlich Spanien, Griechenland, Rumänien und die Türkei – finden sich neben den Dorfhunden auch spezialisierte Arbeitshunde, die oft ausrangiert wurden. 

  • Windhunde (Galgo Español): charakterlich sensibel, im Haus ruhig, draußen extrem hoher Sichtjagdtrieb, anhänglich gegenüber Bezugspersonen. Oft werden sie unter erbärmlichen Bedingungen bei Jägern (Galgueros) gehalten, nach der Jagdsaison häufig ausgesetzt oder getötet. Ein Galgo Español besitzt ein großes Sportlerherz und kann Geschwindigkeiten von bis zu 80 km/h erreichen. Seine physische Spezialisierung korreliert mit einer hohen Sensibilität; Stressoren in der Umwelt werden von diesen Hunden oft intensiver wahrgenommen als von anderen Rassen.
  • Urtyp-Hunde (Podenco, z.B. Ibicenco, Canario): Jagen mit Sicht, Gehör und Nase; eigenständig, aktiv, „clownhaftes“ Sozialverhalten, hohe Sprungkraft. Sie sind spezialisierte Kaninchenjäger, leben oft in Meuten und werden bei Jagduntauglichkeit oft brutal entsorgt.
  • Herdenschutzhunde (Maremmano, Kaukasischer Owtscharka und deren Mixe): Territorial, eigenständig entscheidend, hohe Reizschwelle, Schutztrieb gegenüber dem eigenen „Rudel“. Sie dienten zum Schutz von Herden gegen Wölfe und Bären und treten entsprechend nach außen selbstsicher und auch vehement auf. Sie lebten oft in Kettenhaltung oder isoliert auf Feldern.
  • Dorfhunde / Mixe: Opportunistisch, vorsichtig, hohe soziale Kompetenz gegenüber Artgenossen, oft Neophobie gegenüber urbanen Reizen. Sie leben hauptsächlich von Abfällen in sozialen Verbänden auf der Straße mit ständigen Bedrohungen durch Hundefänger oder Vergiftungsaktionen. 

Aufzucht im Shelter

Ein hoher Teil der im Auslandstierschutz vermittelten Hunde wird in Sheltern geboren oder verbringt dort die kritische Lebensphase der frühen Welpenentwicklung. Diese reizarme Umgebung hat grundlegende Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns und die spätere Verhaltenssteuerung des Hundes. 

Die primäre Sozialisationsphase eines Welpen erstreckt sich etwa von der 3. bis zur 12. Lebenswoche. In dieser Zeit befindet sich das Gehirn in einem Zustand maximaler Plastizität. Normalerweise lernt der Welpe eine Vielzahl von Umweltreizen kennen, was zur Festigung neuronaler Verbindungen führt. In einer Shelter-Umgebung, die oft durch Betonmauern, hohen Lärmpegel und mangelnde oder negative soziale Interaktion geprägt ist, findet dieser Prozess nur unzureichend statt. Stattdessen kommt es zu einem verstärkten „Synaptic Pruning“ – dem Abbau nicht genutzter Nervenverbindungen. Während bei einer normalen Entwicklung etwa ein Drittel dieser vorveranlagten Verbindungen in dieser Lebensphase gelöscht wird, verlieren deprivierte Hunde aufgrund fehlender Reize einen wesentlich größeren Anteil ihrer neuronalen Infrastruktur. Das Ergebnis ist ein weniger flexibles Gehirn mit einer signifikant verringerten neuronalen Vernetzung in Schlüsselregionen wie der Amygdala und dem Hippocampus. 

Studien an Hunden mit Deprivationssyndrom zeigen signifikant niedrigere Spiegel der Neurotransmitter Serotonin und Dopamin. Ein Serotoninmangel führt zu einer gestörten Emotionsregulation und mangelnder Impulskontrolle. Solche Hunde reagieren oft „hyperreaktiv“ auf kleinste Reize, zeigen Angstaggression oder extreme Schreckhaftigkeit. Ein Dopaminmangel beeinträchtigt das Belohnungssystem und die Motivation. Deprivierte Hunde wirken oft apathisch, zeigen wenig Spielverhalten und haben Schwierigkeiten, neue Lerninhalte zu verknüpfen. Diese Hunde leiden im Alltag unter Dauerstress, da ihnen Referenzerfahrungen fehlen, um harmlose Reize (wie eine Mülltonne oder ein fallendes Blatt) als sicher einzustufen. Ein Deprivationssyndrom ist somit keine einfache Erziehungsfrage, sondern eine biologisch verankerte Entwicklungsstörung, die lebenslanges Management erfordert.

Folgen der Anbindehaltung

Hunde, die in ihrer Herkunftsregion als Hofhunde in permanenter Anbindehaltung lebten, bringen spezifische psychische Traumata mit. Die Anbindehaltung ist aus verhaltensbiologischer Sicht eine der grausamsten Formen der Unterbringung, da sie die grundlegenden Bedürfnisse eines sozialen Lebewesens verhindert. Ein Hund in Anbindehaltung kann weder fliehen noch angemessen mit Artgenossen kommunizieren. Die ständige soziale Isolation und die Unmöglichkeit, den eigenen Lebensraum angemessen zu erkunden und verwalten, führen zu einem Zustand der „erlernten Hilflosigkeit“ oder zu einer extremen Steigerung der Aggressionsbereitschaft durch Frustration oder als "Flucht nach vorn". Die Stabilität, die ein Hund für ein normales Leben benötigt, wird durch den Entzug von Interaktion, Bewegung und Erkundungslernen zerstört. 

Langfristige Auswirkungen der Anbindehaltung sind 

  • Mangelnde Übung in Beschwichtigungssignalen und feiner Kommunikation im Allgemeinen
  • Schwierigkeiten bei Hundebegegnungen; Tendenz zu „Leinenaggression“
  • Chronisch erhöhte Cortisolspiegel; permanente Alarmbereitschaft, Neigung zu Stresserkrankungen
  • Hypervigilanz (ständiges Scannen der Umgebung); schlechte Entspannungsfähigkeit 
  • Muskelatrophie, Schäden am Kehlkopf/Halswirbelsäule durch Kettenzug
  • Schmerzassoziationen beim Anleinen oder Berühren am Hals
  • Unterstimulation führt zu kognitivem Abbau. Verzögerte Lernfortschritte; geringe Konzentrationsspanne im Training 

Adoption: Rechtliche und medizinische Hürden

Die Übernahme eines Hundes aus dem Ausland ist durch nationale und europäische Gesetze streng reglementiert. Ziel ist primär der Schutz vor Seuchen wie der Tollwut.

 

Einreisebestimmungen und Dokumentation 

Hunde, die innerhalb der EU verbracht werden, benötigen zwingend einen blauen EU-Heimtierausweis. Dieser Pass muss dem Tier eindeutig zugeordnet werden können, was seit Juli 2011 ausschließlich über einen implantierten Mikrochip (Transponder) erfolgt. 

Für die Einreise nach Deutschland gelten folgende Kernvoraussetzungen: 

  • Gültige Tollwutimpfung: Die Erstimpfung darf frühestens im Alter von 12 Wochen durchgeführt werden. Danach muss eine Wartezeit von 21 Tagen eingehalten werden, bevor das Tier die Grenze passieren darf. Ein Welpe kann somit frühestens im Alter von 15 Wochen legal nach Deutschland einreisen. 
  • Tollwut-Antikörpertest (Titer): Bei der Einreise aus nicht-gelisteten Drittländern (z.B. Türkei, Marokko, Serbien) muss mindestens 30 Tage nach der Impfung eine Blutprobe entnommen und in einem zugelassenen Labor untersucht werden. Nach der Blutentnahme muss eine weitere Wartefrist von drei Monaten eingehalten werden, bevor das Tier einreisen darf. 
  • TRACES-Meldung: Der Transport von Tierschutzhunden unterliegt dem TRACES-System (Trade Control and Expert System), das die Rückverfolgbarkeit gewerblicher Tiertransporte innerhalb der EU sicherstellt und die Einhaltung der Tierschutzbestimmungen während der Fahrt überwacht. 

 

Die Problematik der Phänotypisierung 

In Deutschland existieren spezifische Rasselisten („Listenhunde“), deren Einfuhr streng verboten oder an Auflagen gebunden ist. Da bei Auslandshunden üblicherweise keine Abstammungsnachweise vorliegen, entscheidet die Phänotypisierung durch einen Amtstierarzt über den rechtlichen Status des Hundes. Eine phänotypische Begutachtung dauert in der Regel etwa eine Stunde und bewertet, ob ein Hund trotz erkennbarer Einkreuzungen in „markanter und signifikanter Weise“ Merkmale einer gefährlichen Rasse (z.B. Pitbull Terrier, American Staffordshire Terrier) zeigt. Dabei weicht die Einschätzung von Tierarzt zu Tierarzt teilweise stark ab. Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass hierbei das äußere Erscheinungsbild Vorrang vor genetischen Analysen hat; ein Hund kann genetisch ein Mischling sein, aber wenn sein Phänotyp einer Listenrasse entspricht, unterliegt er den entsprechenden gesetzlichen Beschränkungen. Besonders häufig davon betroffen sind in der Auslandstiervermittlung Kangal-, Mastiff-, Rottweiler-, Cane Corso-, Presa Canario-, Dogo Argentino- und Pittbulloptische Mixe. Auch wenn ein Hund rasseoptisch bedingt einreisen darf, ist er möglicherweise in den Hundehaltungsgesetzen der einzelnen Bundesländer als Listenhund aufgeführt. Das bedeutet, dass auf ordnungsbehördlicher Ebene eventuell eine Haltungserlaubnis benötigt wird und höhere Steuern gezahlt werden müssen. Allgemeine Rassebeschreibungen wie "Bully", oder einfach "Mix" haben vor einer Phänotypisierung keinen Bestand.

Leitfaden zur Eingewöhnung

Der Moment der Übergabe ist für den Hund oft der Höhepunkt eines traumatischen Prozesses. Er wird aus seiner gewohnten Umgebung gerissen, in einen Transporter gesperrt und landet schließlich bei fremden Menschen in einer völlig unbekannten Welt. 

 

Strategien für die ersten Wochen 

Die oberste Maxime in der Eingewöhnungsphase lautet: „Weniger ist mehr“. Der Hund benötigt Zeit, um die Stresshormone, die während des Transports massiv ausgeschüttet wurden, wieder abzubauen.

  • Rückzugsorte schaffen: Dem Hund muss sofort ein fester Rückzugsort zugewiesen werden. Dies kann eine Box oder ein weiches Bett in einer ruhigen Ecke sein. Es ist essentiell, dass der Hund dort niemals bedrängt wird; der Platz muss absolut tabu für andere Haustiere, Kinder und etwaige Bedrängungen durch den Halter (Streicheln, Hervorziehen) sein. Befinden sich Kinder im Haus, bietet sich eine zusätzliche Barriere durch beispielsweise einen Welpenzaun/Welpenauslauf an.
  • Doppelsicherung: In den ersten Wochen ist die Doppelsicherung mit einem speziellen Sicherheitsgeschirr und einem Halsband sowie zwei separaten Leinen zwingend erforderlich. Ein erschrockener Hund kann enorme Kräfte entwickeln und sich aus Standardgeschirren innerhalb von Sekunden befreien. Insbesondere Galgos und Podencos schlüpfen aus normalen Geschirren und Halsbändern heraus, sodass auf eine Kombination aus Windhundhalsband und Panikgeschirr (3 Gurte) zurückgegriffen werden sollte.
  • Struktur und Routine: Vorhersehbarkeit reduziert Angst. Feste Fütterungszeiten, immer gleiche Gassi-Runden (anfangs extrem kurz) und klare Regeln helfen dem Hund, sich zu orientieren. Besitzer müssen lernen, die subtilen Signale ihrer Hunde zu lesen. Viele Auslandshunde zeigen „Beschwichtigungssignale“ (Calming Signals) wie Ohrenspiel, Schlecken, Gähnen oder das Abwenden des Blicks, wenn sie sich unwohl fühlen. Werden diese Signale übersehen, kann der Hund zum Schnappen als deutlicherer Kommunikation übergehen.
  • Stressoren vermeiden, dazu gehören auch übermäßig lange Spaziergänge (lieber öfter, dafür kurz), Besucher und Hundetraining in Gruppen

Welpen und Junghunde adoptieren

Die Adoption eines Welpen aus dem Ausland wird oft als „einfacher“ angesehen, da man ihn noch erziehen könne. Doch die Forschung zeigt, dass gerade junge Hunde besonders anfällig für negative Einflüsse sind. Studien zur Stresserhöhung beim Transports belegen, dass die Belastung zu einer massiven Ausschüttung von Cortisol führt. 

Während einer zweistündigen Fahrt steigt der Speichel-Cortisolspiegel bereist signifikant an. Diese Stressantwort zeigt auch oft keine Gewöhnung (Habituation) bei wiederholten Transporten. Langfristig erhöhte Cortisolspiegel führen zu einer Immunsuppression. Welpen, deren Immunsystem durch unzureichende Kolostrum-Versorgung oder fehlende Impfungen im Herkunftsland ohnehin geschwächt ist, erkranken nach der Ankunft in Deutschland häufig schwer an Infektionskrankheiten wie Parvovirose oder Staupe. Welpen, die von einem chronisch gestressten Muttertier abstammen, haben desweiteren eine Prädisposition für vererbbare Dysfunktionen der Stressachse.

Ein Welpe, der zu früh von der Mutter getrennt wurde – oft ein Merkmal des illegalen Welpenhandels –, hat keine Gelegenheit, grundlegende soziale Kompetenzen zu erlernen. Zudem können Hunde den Stress ihrer Besitzer spiegeln (Stress-Synchronisation). Ein nervöser, überforderter Besitzer kann somit unweigerlich das Angstlevel seines Welpen noch weiter  erhöhen.

Typische Problemverhaltensweisen

Hunde aus dem Auslandstierschutz bringen oft Verhaltensweisen mit, die in ihrer ursprünglichen Umgebung überlebensfördernd waren, im urbanen Umfeld jedoch als „Problemverhalten“ eingestuft werden. 

 

Ressourcenverteidigung (u.a. Futteraggression) 

Auf der Straße und in Sheltern mit Gruppenhaltung ist Futter eine begrenzte und überlebenswichtige Ressource. Ein Hund, der gelernt hat, seine Nahrung gegen Artgenossen zu verteidigen, wird dies oft auch gegenüber seinen neuen Besitzern tun. 

Lösungsansatz Futteraggression: 

  • Tauschgeschäfte trainieren. Dem Hund wird beigebracht, dass die Annäherung des Menschen an Napf oder Spielzeug immer eine Verbesserung der Situation bedeutet (z.B. Hinzufügen von hochwertigen Leckerlis), statt einer Bedrohung.
  • Abseits von Laufwegen füttern, den Hund während des Fressens vollkommen ignorieren.
  • Bei dem Füttern per Hand wird der Napf nur nach oben weggezogen, da der Hund ansonsten nachsetzt.

Strafen und Dominanzeinforderung verstärken das Misstrauen des Hundes und die Angst vor dem Verlust, was das Problem verschlimmert.

 

Trennungsangst und Isolation 

Für einen Hund, der sein Leben lang in einer Gruppe auf der Straße oder im Shelter verbracht hat, ist das Alleinsein in einer Wohnung unnatürlich und beängstigend. 

Lösungsansatz: Kleinschrittiges Alleinbleibe-Training über positive Verstärkung, bestenfalls unter Zuhilfenahme einer Überwachungskamera. Der Hund muss lernen, dass das Weggehen des Menschen sicher ist und dieser immer zurückkehrt. In schweren Fällen kann die Unterstützung durch verhaltensmedizinisch geschulte Tierärzte notwendig sein, um den Hund medikamentös so weit zu stabilisieren, dass Lernen überhaupt möglich ist. 

 

Stubenunreinheit

Ehemalige Straßenhunde sind oft nicht im klassischen Sinne unrein, sondern haben lediglich eine Substratpräferenz für natürliche Untergründe wie Erde oder Gras entwickelt.

Lösungsansatz:  

  • Keine Bestrafung: Schimpfen oder das Reiben der Nase in das Malheur führt zu massivem Stress und dazu, dass der Hund sich zum Lösen heimliche Ecken sucht.
  • Medizinischer Check: Infekte müssen tierärztlich ausgeschlossen werden.
  • Reinigung: Betroffene Stellen müssen mit enzymatischen Reinigern gesäubert werden, da herkömmliche Putzmittel den Geruch für die feine Hundenase oft nicht vollständig entfernen und so als weitere Stimulation wirken.
  • Draußen belohnen: Das Lösen im Freien muss unmittelbar (innerhalb von 1–2 Sekunden) hochwertig belohnt werden.
  • Hunde-WC im Haus: Bei extrem ängstlichen Hunden, die sich draußen vor Stress nicht lösen können, kann anfangs eine Box mit Rasen oder Erde in einem ruhigen Bereich der Wohnung als Zwischenschritt dienen.

 

Jagdverhalten

Das Jagen ist für ehemalige Straßenhunde oft eine überlebenswichtige Strategie zur Nahrungsbeschaffung. Zusätzlich sind einige Straßenhunde mit Vertretern typischer Jagdhunderassen verwandt oder wurden direkt für den Jagdeinsatz vermehrt.

Lösungsansatz:

  • Selbstbelohnung stoppen: Jagen schüttet Dopamin aus und ist daher extrem selbstbelohnend. Eine Leine (bei nicht-leinenführigen Hunden ist eine Schleppleine für den Anfang empfehlenswert) ist zur Sicherung unerlässlich, um Jagderfolge zu verhindern. Bereits einzelne Punkte der Jagdverhaltenskette setzen die Dopaminausschüttung in Kraft, sodass es nicht einmal zwingend den Jagderfolg zur Aufrechterhaltung benötigt.
  • Ersatzbeschäftigung: Da der Jagdtrieb biologisch verankert ist, sollte er kanalisiert werden. Jagdspiele oder das kontrollierte „Zerlegen“ von Spielzeug, Pappkartons und anderen Alternativen können als Ventil für die Endhandlung der Jagdkette dienen.
  • Impulskontrolle: Trainings zur Orientierung am Halter und das Aushalten von Bewegungsreizen sollten regelmäßig durchgeführt werden.

 

Nicht-betreten-wollen von geschlossenen Räumen

Diese Angst rührt oft von mangelnder Erfahrung mit Innenräumen oder traumatischen Erlebnissen in Fangstationen her.

Lösungsansatz:

  • Schwellenangst respektieren: Zwingen oder Ziehen an der Leine verstärkt die Panik massiv. Der Hund sollte das Tempo selbst bestimmen.
  • Richten Sie dem Hund einen Rückzugsort in der Nähe der Tür oder in einem ruhigen, reizarmen Raum ein, den niemand ungefragt betritt.
  • Legen Sie eine Spur aus extrem hochwertigen Leckerlis (z.B. Fleisch) über die Schwelle.
  • Pheromon-Zerstäuber (wie Adaptil) oder vertraute Gerüche können helfen, das Stresslevel im Haus zu senken.

Manche Hunde, insbesondere vom Typ Herdenschutzhund, lassen sich auch mit Training nicht problemlos auf das Leben in Innenräumen ein. Hier kann eine isolierte Hundehütte, ein beheizbares Gartenhaus oder eine Hundeklappe zur Garage oder zum Eingangsbereich des Hauses Abhilfe schaffen, sodass der Hund sich bei Bedarf dem Menschen anschließen oder zurückziehen kann.

 

Gesundheitliche Aspekte

Die sogenannten „Mittelmeerkrankheiten“ sind eine ernsthafte Bedrohung für importierte Hunde. Viele dieser Erreger können monate- oder jahrelang symptomlos im Körper verbleiben. Es ist dringend erforderlich, jeden Auslandshund etwa sechs Monate nach der Einreise erneut auf diese Erreger testen zu lassen, da Vortests im Ausland oft unzuverlässig sind.

Anhaltenden problematischen Verhaltensweisen wie Aggression oder Angst können auch schwere kognitive Dysfunktionen zugrunde liegen, wie beispielweise das Deprivationssyndrom oder ein psychisches Trauma.

 

Stereotypien

Stereotypien sind Handlungen, die ständig wiederholt, in immer gleicher Abfolge ablaufen und kein erkennbares Ziel haben. Bei Hunden aus reizarmen Umgebungen, vornehmlich isolierter Haltung in Sheltern, Hinterhöfen oder an der Kette sind sie ein typisches Signal für chronische Überforderung und eine nicht-artgerechte Umgebung. Sie zeigen sich als Bewegungsstereotypien (Auf- und Ablaufen, Kreiseln, Hochspringen), orale Stereotypien (Gitterbeißen, exzessives Belecken von Gegenständen oder Körperteilen bis hin zur Selbstverstümmelung, "Fliegenschnappen" und Kotfressen (Koprophagie)), vokale Stereotypien (monotones Dauerbellen oder Jaulen) sowie objektbezogene Stereotypien (Schwanzjagen, zwanghaftes Umhertragen oder Belecken von bestimmten Gegenständen).

Hinter Stereotypien steckt eine Bewältigungsstrategie; der Hund versetzt sich in eine Art Trance-Zustand und beruhigt sich dadurch selbst. Da die Dopaminfreisetzung angeregt wird, entwickelt das Verhalten einen Suchtfaktor.

Die Behandlung ist langwierig, umfasst ein umfangreiches Umgebungsmanagement, Alternativhandlungen, Entspannungstechniken und oft auch eine medizinische Unterstützung (Abklärung und Psychopharmaka).

 

Probleme beim Autofahren

Die hauptsächlichen Problematiken beim Autofahren sind die Angst vor dem Einsteigen, Bewegungsreize während der Fahrt und Bewegungsübelkeit. Auslandshunde haben meist schlechte Erfahrungen mit Autos in Zusammenhang mit der Einfangaktion, häufig mithilfe einer zugezogenen Fangschlaufe und dem Einladen unter Todesangst sowie den langen, stressigen Transportwegen gemacht.

Lösungsansätze:

  • bewegungsbedingte Übelkeit: Die sogenannte Kinetose kann mit H1-Antihistaminika behandelt werden
  • Angst vor dem Einsteigen: kleinschrittiges Desensibilisierungstraining (auch auf enge Durchgänge und Räume); jedes zwanghafte Verfrachten in das Fahrzeug vor erfolgreichem Abschluss der Desensibilisierung führt zur Vertiefung der Angst
  • Bewegungsreize: Insbesondere Hütehundrassen und Jagdhundrassen reagieren auf Bewegungsreize und Lichtreflexe während der Autofahrt. Steigert sich der Hund in diese Trigger hinein, ist es sinnvoll, ein konsequentes Ablegen während der Fahrt zu Trainieren oder auf eineTransportbox bzw. einen vollständigen Sichtschutz zurückzugreifen.

Zwischen Mitleid und Kriminalität

Der illegale Welpenhandel ist ein Milliardengeschäft mit klaren mafiösen Sturkturen, das oft unter dem Deckmantel des Tierschutzes operiert. Kriminelle Händler nutzen die emotionale Komponente der „Rettung“, um Profit zu generieren. Auch adulte Hunde, insbesondere solche mit besonders mitleidserregender Geschichte oder überfüllte Shelter werden zur Spendengenerierung genutzt.

Erkennungsmerkmale unseriöser Strukturen 

  • Hoch emotionalisiert: Videos von wimmernden Welpen, emotionale Musik zu Bildern verletzter Hunde oder Texte, die den Leser unter moralischen Druck setzen („Wenn sich nicht gleich ein Pate findet, wird er getötet“), sind die häufigsten Warnsignale für unseriöse Praktiken. Dies betrifft zwar nicht nur profitgelenkte Händler, jedoch ist auch die unreflektierte Vermittlung von Hunden an nichtsahnende neue Halter ein großes Problem einiger Tierschutzorganisationen.
  • Mangelnde Transparenz: Ein seriöser Verein führt eine gründliche Vorkontrolle durch, verlangt eine Selbstauskunft und bietet auch nach der Adoption Unterstützung an. Unseriöse Händler drängen auf schnelle Übergaben, oft an öffentlichen Orten wie Parkplätzen. 
  • Romantisierung: Beschreibungen von Hunden, wie „absolut problemlos“, „dankbar“ oder "sehnt sich nur nach Liebe" sollten grundsätzlich kritisch hinterfragt werden. Jeder Hund aus dem Tierschutz bringt eine Geschichte mit, die Zeit, Arbeit, Kompromisse und unter Umständen auch hohe Geldsummen für Behandlungen erfordert. 
  • Elterntiere/bisherige Unterbringung unbekannt: Die „Vermehrerstationen“ in Osteuropa produzieren Welpen am Fließband unter hygienisch katastrophalen Bedingungen. Die Muttertiere werden als reine „Gebärmaschinen“ missbraucht und entsorgt, sobald sie keinen Profit mehr bringen. Adoptanten sollten darauf bestehen, das Muttertier in Interaktion mit den Welpen zu sehen und sich die bisherigen Lebensbedingungen erläutern zu lassen, um auf mögliche Verhaltens- und Gesundheitsprobleme adäquat reagieren zu können.
  • Keine Vermittlung per TRACES-System: Hunde, die nicht über das TRACES-System amtstierärztlich durchgecheckt wurden, reisen in den meisten Fällen illegal ein. TRACES stellt sicher, dass die Herkunftsstätte und auch die künftige Unterbringung vom jeweiligen Veterinäramt kontrolliert wurde und der Transportweg nachvollziehbar ist.

Mithilfe von Content über Social Media generieren mittlerweile auch sogenannte "Fake-Rescues" hohe Geldsummen, indem mit Tieren, denen abseits der Kamera absichtlich Leiden zugefügt wurden, für Spenden geworben wird. Mehr dazu in der Reportage : Die Spur (ZDF): Fake Rescues- Das Geschäft mit dem Tierleid 

 

Der nachhaltige Weg

Viele deutsche Tierschutzvereine kooperieren mit Sheltern im Ausland und holen, je nach aktueller Kapazität, Hunde nach Deutschland. Die Hunde werden medizinisch versorgt, durchgecheckt, aufgepäppelt und sozialisiert. Sie sind den Pflegekräften bekannt und es kann eine Charaktereinschätzung erfolgen, anhand derer der zukünftige passende Halter gesucht wird. Die Tierschutzvereine ermöglichen ein Kennenlernen zwischen und Hund Halter und sind auch nach der Vermittlung noch Ansprechpartner und Auffangnetz bei eventuellen Problemen.

 

Eine Anmerkung zum Schluss...

Nicht jeder wildlebende Hund ist automatisch hilfsbedürftig. Manche Untergruppen erhalten sich seit Jahrtausenden selbstständig, kreuzen sich sogar mit wilden Verwandten wie Wolf und Dingo. Einige Gruppierungen von ihnen leben autark. Sie nutzen zwar oft die Nähe zum Menschen aufgrund der Futterressourcen und Witterungsschutz, haben jedoch kein Interesse an einer Interaktion mit ihm. Sie bilden feste Familienverbände und Territorien. Im Tierschutz besteht jedoch teilweise die Ansicht, alle herrenlosen Tiere einsammeln und unter die Betreuung des Menschen stellen zu müssen - noch dazu in völlig fremder Umgebung, an welche der jeweilige Hund sich vielleicht nicht mehr vollständig anpassen kann. Nicht jedem Hund tut man einen Gefallen damit, ihn aus seinem Lebensumfeld zu reißen. Sinnvoller ist dann, sich vor Ort um Aufklärungsarbeit, Fortpflanzungskontrolle, Versorgung (im Bedarfsfall auch medizinisch) und Witterungsschutz zu kümmern - über Organisationen, die absolut transparent handeln.  

Konnte ich weiterhelfen? Wer uns unterstützen möchte, kann uns und unseren tierischen Mitbewohnern mit einer Sachspende eine Freude machen. 

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.