Alternative Psychopharmaka in der Tierverhaltenstherapie

Die Verhaltensmedizin bei Tieren hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Neben evidenzbasierten medikamentösen Therapien und Verhaltenstherapien rücken auch immer wieder Nahrungsergänzungsmittel und Alternativmedizinische Zubereitungen in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die Einsatzmöglichkeiten besonders häufig beworbener Mittel unter Berücksichtigung der aktuellen Studienlage bei Tieren und vergleichender relevanter Erkenntnisse aus der Humanmedizin.
 

Inhalt

Bach-Blüten-Therapie (insb. "Rescue Drops")

L-Tryptophan

Schüssler-Salze 

Cannabis (CBD)

Kasein (Alpha-Casozepin)

 

In Anbetracht der vielen nachweislich unwirksamen Mittelchen in der Alternativmedizin möchte ich vorab klarstellen, dass der Placebo-Effekt einen großen Beitrag in der Selbstheilung leisten kann. Er kann nachweisbar auf das Immunsystem und die Schmerzregulierung Einfluss nehmen. Der Placebo-Effekt setzt allerdings eine innere Erwartungshaltung voraus, die nur selbstbestimmte Anwender haben können. Unsere Tiere wissen nicht, was wir ihnen unter das Futter mischen und wie das jeweilige Mittel wirken soll, bei ihnen kann sich kein Placebo-Effekt einstellen. Bei Tieren sind es die Beruhigung und Zuwendung des Besitzers, die lange Wartezeit auf das Eintreten einer Wirkung (Selbstheilung) sowie die Konditionierung, die ähnliche Effekte erzielen. Die unbewusste Tendenz von Tierbesitzern und Tierärzten, das Verhalten des behandelten Tieres positiver zu interpretieren, nennt sich "Placebo-by-Proxy"-Effekt.

Für Tiere mit Verhaltensauffälligkeiten bietet es sich an, ritualisierte oder konditionierte Auszeiten einzuführen und so die Erwartungshaltung des Tieres zuverlässig auf "Entspannung" lenken zu können. Auch anerkannte Pharmazeutika sind keine Wundermittel und können starke Nebenwirkungen verursachen. Medikamente sind höchstens als ein Puzzlestück von vielen in der Verhaltenstherapie zu bewerten.

 

*Wichtige Anmerkung: In den nachfolgenden Abschnitten werden auch Dosierungen genannt. Diese dienen der Veranschaulichung und sind nicht zur eigenmächtigen Änderung von vorgegebenen Dosierungshöhen ohne vorherige Rücksprache mit einem Tierarzt geeignet.

Bach-Blüten-Therapie 

Die Bach-Blüten-Therapie wird häufig fälschlicherweise mit der Pflanzenheilkunde gleichgesetzt und geht zurück auf den englischen Alternativmediziner Edward Bach (phon. Baetsch). Dieser lehnte die Wissenschaft in der Medizin ab und setzte auf die persönliche Intuition des Erkrankten.


Herstellung: Die fertige Droge setzt sich üblicherweise aus wenigen Tropfen Blütenextrakt, Quellwasser und Alkohol zusammen. Auf stofflicher Ebene sind die Inhaltsstoffe der Pflanze stark verdünnt oft nicht mehr nachweisbar - um die
Inhaltsstoffe geht es jedoch bei dieser Therapieform auch gar nicht. Bei manchen Methoden muss die Blüte noch nicht einmal gepflückt werden, um die erhofften Schwingungen zu übertragen, während „falsche“ verwendete Wasser, elektrische
Geräte in der Nähe und das Pflücken mit der bloßen Hand die "Informationen" sogar stören und löschen können sollen.


Anwendung: Die Pflanzen für die Tinkturen wurden und werden bis heute rein intuitiv ausgesucht, es gibt keine logische Grundlage. Anwendende Naturheilpraktiker und Mediziner wählen die Blüten nach Bauchgefühl, anhand von Symptomlisten und ansprechender Blütenoptik aus. In der Tierverhaltenstherapie werden Bachblüten insbesondere in Form fertiger alkoholfreier Mischungen als schnelles und besonders einfaches Allheilmittel in angepriesen. Es werden die orale Eingabe, das Verreiben auf der Haut und das lediglich offenstehende Fläschchen neben dem Tiergehege als Anwendungsmöglichkeiten vorgeschlagen.


Wirkungsweise: Es sollen seelenheilende Schwingungen entstehen, die von der Blüte auf das Quellwasser übergehen, woraufhin das Wasser diese "Informationen" auf den Anwender überträgt. Der Geist wird ausgeglichen und soll den Körper heilen. Es gibt keine wissenschaftlich belegbare Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus. Positiv formulierte Informationen sind in der Regel auf Verkäufer zurückzuführen. Der Glaube an eine Wirkung und die dadurch eintretende Beruhigung können zur Annahme einer vermeintlichen Wirksamkeit führen.

L-Tryptophan

L-Tryptophan ist eine essentielle Aminosäure und der Präkursor für die Synthese von Serotonin, einem Neurotransmitter, der eine zentrale Rolle bei der Regulation von Stimmung und Schlaf spielt. Serotonin ist eine direkte Vorstufe zu Melatonin. Es wird bei ausgewogener Ernährung ausreichend über die tägliche Nahrung zugeführt und ist besonders in eiweißreichen Lebensmitteln enthalten. Eine unangepasst hohe Eiweißzufuhr durch die Nahrung wird jedoch als möglicherweise hemmend auf die Synthese von L-Tryptophan diskutiert, da hier viele Aminosäuren miteinander konkurrieren. 


Herstellung: L-Tryptophan wird durch Fermentationsprozesse gewonnen. Natürliche hohe Gehälter an Tryptophan weisen folgende Nahrungsmittel auf: Sojabohnen, Kürbiskerne, Erdnüsse, Sonnenblumenkerne, Hülsenfrüchte allg., Emmentaler Käse, Geflügelfleisch, Eier, Thunfisch. 


Wirkmechanismus: Durch die Erhöhung der Serotonin-Produktion im Gehirn kann L- Tryptophan potenziell angstlösende und stimmungsaufhellende Effekte hervorrufen. Eine spürbare Wirkung wird vor allem im Zusammenhang mit einem vorliegenden
Serotoninmangel vermutet. Der tatsächliche Serotoningehalt im Gehirn kann allerdings nicht am lebenden Haustier gemessen werden. Das Wirkprinzip wäre ähnlich serotonerger Antidepressiva, deren tatsächliche positive Auswirkung auf die Stimmung bereits in der Humanmedizin kontrovers diskutiert wird.
 

Anwendungsgebiete: L-Tryptophan wird häufig bei Hunden, Pferden und in industrieller Massentierhaltung eingesetzt, in denen die Tiere unter milder bis moderater Angst und Stress oder daran angelehnten Formen von Aggression leiden. Es könnte möglicherweise zur Unterstützung bei Schlafstörungen oder zur Verbesserung der Entspannung beitragen. Die Evidenz für eine signifikante Wirkung ist für viele Verhaltensprobleme jedoch noch nicht robust genug, um L-Tryptophan als hauptsächliche Therapie zu empfehlen, als unterstützende Maßnahme ist es möglicherweise sinnvoll. In der Humanmedizin werden L-Tryptophan und Melatonin als Nahrungsergänzungsmittel hauptsächlich bei Schlaf- und Angststörungen untersucht und zeigen in den wenigen vorhandenen Studien eine leichte, jedoch vernachlässigbare Wirkung. In Studien mit Hunden kamen neben L-Tryptophan noch weitere Nahrungszusätze gleichzeitig zum Einsatz, kombiniert in einer Diät zeigten sich positive Verhaltensänderungen und ein signifikanter Anstieg von Serotonin und Dopamin im Blut - welche Stoffe dieser Diät nun tatsächlich die Verhaltensänderung hervorriefen, kann jedoch nicht genau bestimmt werden.
 

L-Tryptophan sollte nicht mit anderen serotonin-beeinflussenden Medikamenten (insb. SSRI, SNRI, MAO-Hemmer) kombiniert werden. In Hinblick auf die häufig mangelhafte Medikation mit Antidepressiva am Menschen ist bezüglich Tryptophan erstrecht nicht mit starken Effekten zu rechnen. Eine Supplementierung ersetzt keine Haltungsoptimierung und Training.

Schüssler-Salze und ähnliche biochemische Mittel

Schüssler-Salze werden insbesondere an Pferdehalter vertrieben, sind jedoch auch in der Heimtierhaltung hin und wieder anzutreffen. Die angenommene Wirkungsweise ist konträr zur Homöopathie und gleicht dieser Therapieform lediglich in der extremen Verdünnung des Ausgangsstoffes. Es handelt sich um Mineralsalze, welche durch den Homöopathie-Arzt Wilhelm Heinrich Schüssler in der Annahme entwickelt wurden, jede Krankheit oder Fehlregulation würde einem gestörten Mineralstoffwechsel unterliegen.

Herstellung: Mineralsalze werden mit Wasser, Laktose oder Alkohol verdünnt.

Anwendung: Die Salze werden nach Symptomatik ausgesucht. Es besteht die Annahme, dass aufgrund verschiedener optischer Auffälligkeiten am Patienten (zB. fettiges Fell) das passende Mineralsalz zugeordnet werden kann. In der Tierverhaltenstherapie werden Schüssler-Salze als langwierige, dafür beinahe allumfassende Heilmittel gegen sämtliche Formen von Stress, Angst, Aggression, Erschöpfung und Immunsuppression angepriesen. Eine Wirkung wird häufig erst nach mehreren Monaten der Einnahme versprochen.

Wirkungsweise: Durch die starke Verdünnung der Minerale soll ein Konzentrationsgefälle (angelehnt an das System des Osmotischen Druckes) zwischen den Zellen entstehen. Die Zellen sollen entlastet werden und lernen, eine Reizantwort abzulehnen, um daraufhin in einen Ruhemodus übergehen zu können. Es gibt keine unvoreingenommenen, placebo-kontrollierten Studien, die die Wirksamkeit von Schüsslersalzen bei Tieren oder Menschen belegen. Im Gegenteil, grausame Menschenversuche in Konzentrationslagern aus dem Jahr 1942 zeigten hundertfach, dass die „biologischen“ und „biochemischen“ Heilweisen nicht „die Erwartungen erfüllten“. Die heute verwendeten Veröffentlichungen sind überwiegend Fallberichte, die die Anwendung in der Paxis beschreiben, aber keine wissenschaftliche Überprüfung der Wirksamkeit darstellen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Wirkweise von Schüssler-Salzen unplausibel. Diese Präparate sind so stark verdünnt, dass sie nichts mit einer Supplementierung bzw. Nahrungsergänzung gemein haben.

Zum Eingeben des Mittels wird dann oft noch das Auflösen in Wasser oder Verstreuen über der Futterration empfohlen - hier verfälscht sich der Grundgedanke des Wirkmechanismus dann vollständig.

Cannabis (CBD)

Cannabidiol, kurz CBD, ist ein Phytocannabinoid, das in weiblichen und männlichen Cannabispflanzen in hohen Konzentrationen vorkommt. CBD ist von Tetrahydrocannabinol (THC) abzugrenzen. Im Gegensatz zu THC, das für seine psychoaktive, berauschende Wirkung bekannt ist, ruft CBD keine derartigen Effekte hervor. Der minimale THC-Gehalt, der für den Menschen als unbedenklich gilt, kann bei Haustieren, insbesondere Hunden und Katzen, bereits toxische Reaktionen hervorrufen. In einem Fallbericht wurde eine Katze mit Marihuana-Rauch angepustet und zeigte daraufhin 48 Stunden lang neurologische Symptome. Aus diesem Grund ist die ausschliessliche Verwendung von CBD-Produkten, die speziell für Tiere formuliert sind und einen nicht nachweisbaren THC-Gehalt aufweisen, von entscheidender Bedeutung. 

Herstellung: CBD kann mit verschiedenen Methoden aus der Hanfpflanze gewonnen werden. Es wird mittels flüssigem Kohlendioxid, Ethanol und Verdampfung, mithilfe von Butan oder Propan sowie mit einem pflanzlichen Trägeröl aus der Pflanze extrahiert. Ein entscheidender chemischer Prozess, der die Wirksamkeit aller Extraktionsmethoden beeinflusst, ist die Decarboxylierung. In der Hanfpflanze liegt CBD primär als Carbonsäure, die sogenannte CBD-Säure (CBDA), vor. Durch Hitzezufuhr, wie sie beispielsweise beim Rauchen oder während der Extraktion angewendet wird, wird ein Kohlenstoffdioxid-Molekül abgespalten und CBDA in die biologisch wirksamere Form CBD umgewandelt. Diese Umwandlung ist notwendig, da das Endprodukt ansonsten eine geringere Potenz aufweist, was die wahrgenommene Wirksamkeit direkt beeinflussen kann. 

Die Wahl des Endprodukts bestimmt, welche anderen Pflanzenstoffe enthalten sind: 

  • Vollspektrum-CBD: Dieses Produkt enthält eine Vielzahl von Pflanzenextrakten, darunter ätherische Öle, Terpene und andere Cannabinoide wie Cannabinol (CBN). Ein Vollspektrum-Produkt aus Nutzhanf kann bis zu 0,3 % THC enthalten. Forschungsergebnisse legen nahe, dass die synergistische Wirkung aller Komponenten, bekannt als „Entourage-Effekt“, die therapeutischen Effekte verstärken kann. Allerdings stellt der THC-Gehalt, selbst in geringen Mengen, ein potenzielles Risiko für die Toxizität bei Haustieren dar. 
  • Breitspektrum-CBD: Diese Form ist dem Vollspektrum-Produkt sehr ähnlich, da sie ebenfalls mehrere Pflanzenverbindungen enthält, jedoch wurde das THC fast vollständig entfernt. Breitspektrum-Produkte weisen keine nachweisbaren THC-Spuren auf, was sie zu einer sicheren Alternative für Tiere macht. Dank der verbleibenden Cannabinoide und Terpene kann auch bei diesen Produkten ein positiver "Entourage-Effekt" auftreten. 
  • CBD-Isolat: Dies ist die reinste Form von CBD (typischerweise 99% oder höher), die durch zusätzliche Verarbeitungsschritte gewonnen wird. Ein Isolat enthält keine anderen Cannabinoide, Terpene oder Flavonoide. Obwohl ein Isolat eine präzisere Dosierung ermöglicht und das THC-Risiko vollständig eliminiert, legen Tierstudien nahe, dass seine Effekte bei der Schmerz- und Entzündungsbekämpfung möglicherweise weniger ausgeprägt sind als die von Vollspektrum-Produkten, da es den „Entourage-Effekt“ nicht nutzt. 

Der Entourage-Effekt besagt, dass verschiedene Inhaltsstoffe einer Pflanze zusammenwirken und damit die Wirkungsweise verstärken oder verändern könnten.

Wirkungsweise: Die Wirkungsweise von CBD bei Säugetieren basiert auf der Interaktion mit dem körpereigenen Endocannabinoid-System (ECS). Dieses komplexe biologische System ist in nahezu allen Tieren vorhanden. Seine primäre Funktion ist die Aufrechterhaltung der Homöostase und die Regulierung einer Vielzahl physiologischer und kognitiver Prozesse, einschließlich Stimmung, Schmerzempfindung, Schlaf, Appetit, Immunantwort und Stressbewältigung. Im Gegensatz zum THC, das eine direkte agonistische Bindung an die CB1-Rezeptoren eingeht, bindet CBD nicht direkt an die klassischen CB1- oder CB2-Rezeptoren. Stattdessen wirkt es indirekt und wird als sogenanntes "Multi-Target-Drug" bezeichnet. Ein zentraler Wirkmechanismus von CBD ist die Hemmung der FAAH-Enzymaktivität. Das Enzym FAAH ist für den Abbau des körpereigenen Endocannabinoids Anandamid verantwortlich. Durch die Hemmung von FAAH erhöht CBD den Spiegel von Anandamid im Körper, da dessen Abbau verlangsamt wird. Ein erhöhter Anandamid-Spiegel kann das Wohlbefinden steigern, Stress reduzieren und die Stimmung verbessern. Diese Wirkungsweise bietet eine mögliche Erklärung für die Hypothese eines "Endocannabinoid-Mangels", der bei chronischen Stresszuständen und Angststörungen vermutet wird. Durch die Wiederherstellung des Gleichgewichts kann CBD möglicherweise die biologischen Grundlagen für die Stressbewältigung stärken. Ein weiterer entscheidender Mechanismus ist die agonistische Wirkung am Serotonin-5-HT1A-Rezeptor. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der eine Schlüsselrolle bei der Regulierung von Stimmung und Angst spielt. Die Aktivierung des 5-HT1A-Rezeptors durch CBD führt zu einer Erhöhung der Serotonin-Signalübertragung. 

Anwendung: Es mangelt an groß angelegten, Placebo-kontrollierten Langzeitstudien, die die Wirksamkeit und Sicherheit von CBD bei verschiedenen Tierarten bei Verhaltensstörungen untersuchen. Die meisten Behauptungen stützen sich auf Berichte von Tierhaltern. Die Analyse Placebo-kontrollierter Studien ist deshalb der einzige Weg, um den "Placebo-by-Proxy"-Effekt zu umgehen und die tatsächliche Wirksamkeit von CBD zu beurteilen. Eine systematische Übersichtsarbeit zu Placebo-kontrollierten Humanstudien über die Wirkung von CBD auf Angstzustände zeigt ein gemischtes Bild. Einige Studien konnten bei einer Einzeldosis von 300 bis 600 mg CBD am Menschen signifikant angstlösende Effekte bei situativer Belastung nachweisen, andererseits fanden andere Studien bei der gleichen Dosis keine Wirkung oder zeigten dosisabhängig sogar eine angstverstärkende Wirkung. Es gibt bislang nur wenige, einigermaßen aussagekräftige Beispiele für Tierstudien, überwiegend an Ratten und Mäusen. Eine Studie an 40 Katzen untersuchte die Wirkung von CBD auf geräuschbedingte Angst, die durch eine simulierte Gewitterkulisse ausgelöst wurde. Hier zeigte die Gruppe, die zwei Wochen lang CBD erhielt, eine Reduktion des unerwünschten Urinierens im Vergleich zur Placebo-Gruppe.

CBD-Produkte im Handel: Da der Markt für CBD-Produkte (und deren Qualität) unreguliert und recht unüberschaubar ist und die Dosierung die Wirkung zu beeinflussen scheint, sollten CBD-Produkte nur in Absprache mit dem Tierarzt erworben und angewendet werden. Die Praxis lautet, mit einer niedrigen Dosis zu beginnen und diese schrittweise zu erhöhen, während die Reaktion des Tieres sorgfältig überwacht wird. Es ist eine regelmässige und längerfistige Verabreichung zu festen Tageszeiten wichtig, um einen gleichmässigen CBD-Spiegel im Körper aufrechtzuerhalten. CBD ist deshalb kein Medikament, welches "Auf den Punkt" wirkt und daher als akutes Notfallmittel ungeeignet. Die CBD-Produkte im freien Handel sind meist in extrem geringen Dosierungen angegeben, welche höchstwahrscheinlich keine Effekte erzielen würden. Beispiel Katze: Viele der CBD-Produkte für Katzen im freien Handel enthalten 2% CBD bei einer empfohlenen Tagesdosis von pauschalen 1-2 Tropfen. Orientiert man sich an der o.g. Studie zu Katzen mit Gewitterangst, bei denen 4mg/kg/Tag angewendet wurden, wären bei einer durchschnittlichen Katze mit 5 Kilo Gewicht ca. 25 Tropfen des 2%-CBD-Öles pro Tag notwendig. Erschwerend kommt hinzu, dass die langfristigen Nebenwirkungen von Phytotherapeutika (zu denen auch Pflanzenöle mit CBD zählen) bei Katzen nicht ausreichend untersucht sind und derzeit im Allgemeinen von der Verabreichung von pflanzlichen Mitteln abgeraten wird - das gilt genauso für die Verabreichung von Stoffen über die Luft, die über die Lunge noch unregulierter in die Blutbahn gelangen, als es bei oraler Verabreichung der Fall wäre.

CBD wird in der Leber verstoffwechselt und eignet sich daher nicht für die Anwendung bei Tieren mit Leberschäden. Niemals dürfen Humanprodukte mit CBD aus dem freien Handel selbstständig auf Tiere umgewidmet werden.

Kasein (Alpha-Casozepin)

Der Einsatz von Alpha-Casozepin basiert auf der Beobachtung einer beruhigenden Wirkung von Milch auf Neugeborene, wodurch die Hypothese entstand, dass während des Verdauungsprozesses spezifische bioaktive Moleküle freigesetzt würden. Die Identifizierung dieser Moleküle führte zur Entwicklung eines spezialisierten Herstellungsverfahrens, dass die physiologischen Bedingungen des besonderen neonatalen Verdauungstraktes imitiert, um eine vergleichbar beruhigende Wirkung auch bei abgesetzten bzw. abgestillten Individuen erreichen zu können.

In den ersten Lebenswochen eines Säugetieres ist die Magensäureproduktion noch gering und das proteinspaltende Enzym Pepsin kaum aktiv. Stattdessen dominiert das Enzym Trypsin, das bereits ab der Geburt aktiv ist. Unter diesen Bedingungen wird das Casein so aufgespalten, dass Alpha-Casozepin freigesetzt wird. Um zunehmender Bakterienlast standhalten zu können und komplexere Proteine zu spalten, wird der Mageninhalt zunehmend saurer und das Pepsin übernimmt die Hauptarbeit der Proteingebundenen Verdauung im Magen. Allerdings wird das Casein-Molekül nun auf andere Weise enzymatisch "zerschnitten", sodass der Körper fortschreitend die Fähigkeit verliert, Alpha-Casozepin aus Rohmilch zu gewinnen. 


Herstellung: Milchproteine bestehen primär aus zwei Fraktionen: den Molkeproteinen und den Caseinen. Das Casein wird aus entrahmter (Kuh-)Milch extrahiert und durch eine Enzymatische Hydrolyse mithilfe von Trypsin, meist gewonnen aus der Bauchspeicheldrüse geschlachteter Rinder, aufgespalten. Das daraufhin entstandene Dekapeptid (eine Kette aus zehn Aminosäuren) wird betitelt als Alpha-Casozepin.


Anwendung: Alpha-Casozepin ist laktosefrei und gilt auch als sicher für Welpen und tragende sowie laktierende Hündinnen. Es kann mit SSRIs wie Fluoxetin kombiniert werden, da beide Mittel unterschiedliche Rezeptorwege nutzen und so als zusätzlich wirkendes Mittel die Verhaltenstherapie unterstützen. Durch den angstlösenden Effekt kann es dazu beitragen, die kognitive Aufnahmefähigkeit (Lernfähigkeit) zu erhöhen. Zu Beginn der Anwendung können milde Durchfälle, Erbrechen und Appetitlosigkeit auftreten. Die Verabreichung erfolgt meist in Form von Kapseln, Pulver oder kombinierten Diatfuttermitteln. Oftmals werden diese Produkte auch mit L-Tryptophan angereichert, welches mit seiner möglicherweise geringfügig stimmungsaufhellenden Wirkung eine sinnvolle Ergänzung darstellen kann.

 

Wirkungsweise: Alpha-Casozepin dockt, wie auch GABA-Neurotransmitter, an Benzodiazepinrezeptoren. GABA reguliert die neuronale Aktivität in hemmender Weise. Das zusätzliche Alpha-Casozepin unterstützt die Wirkung von vorhandenem GABA, beschränkt sich jedoch auf weniger Modulationsstellen als klassische Sedativa. Damit kann es potentiell angstlösende Effekte herbeiführen, von einer ähnlich starken Wirkung wie von Benzodiazepinen ist jedoch nicht auszugehen.

Die derzeitige Studienlage ist kritisch zu betrachten. Herstellernahe Studien sprechen von signifikanten Verbesserungen bei Sozialphobien und Trennungsangst bei einem Wirkungseintritt von oft nur 90 Minuten nach der Einnahme. In Studien am Menschen wurde die Dauer bis zum Wirkungseintritt zwischen 3 und 28 Tagen angegeben. Tierbesitzer stellten in einer Studie an Katzen einen Wirkungseintritt nach 14 Tagen der Eingabe fest (Beata et al. 2007). Und eben auch aufgrund der häufigen Studienauswertung durch die subjektive Einschätzung der Tierbesitzer (mittels Fragebögen) ist ein hohes Verzerrungsrisiko gegeben. 

Anwendungsgebiete nach Tierart:

Katzen: Soziale Phobien / Fremdeln, Veränderungen der Lebensumwelt, Transporte nach mehrtägiger Vorbehandlung, Spannungen im Mehrkatzenhaushalt

Hunde: Unterstützende Maßnahme bei Trennungsangst, Entwöhnung (Sensible Phase), längerfristig im Rahmen von Desensibilisierungstrainings und allgemeiner Ängstlichkeit

Kaninchen und Meerschweinchen: bei schwierigen Vergesellschaftungen oder Anpassungsproblemen bei Veränderungen der Lebensumwelt; die störanfällige Verdauung sollte dabei durch großzügiges Füttern mit rohfaserreicher Nahrung unterstützt werden, um möglichen Entgleisungen vorzubeugen

Pferde: Entwöhnen von Fohlen, Umstallungen, längerfristig geplante Transporte, Boxenruhe

Ziervögel (und "Nutz"geflügel): Vögel besitzen die spezifische Bindungsstelle am GABA-Rezeptor in fast identischer Form wie Säugetiere. Die Anwendung bei Geflügel ist bislang keine gängige Praxis, eine Umwidmung auf Vögel könnte durch einen Tierarzt jedoch, insbesondere in der Hobbyhaltung, vorgenommen werden. Bei lebensmitttelliefernden Tieren (Hühner) sind ggf. Wartezeiten oder dauerhafte Verzehrverbote einzuhalten. Eine Anwendung bei Stressreaktionen durch Stallpflicht, Zusammenführungen und bei anhaltender Ängstlichkeit nach einem traumatischen Erlebnis (zB. Raubtierangriff) sind denkbar. Vorherrschend in der Supplementierung von Vögeln mit leichter Stresssymptomatik ist jedoch L-Tryptophan.

Zu allen genannten Tierarten wird wiederholt die standartisierte Dosis von 1x tgl. 15-20 mg/kg angegeben. Für Großtiere wie Pferde ist das Pulver in Beutelform (zB. Zylkene® Equine) erhältlich. 

Quellen

[zu: Bachblüten]

Bach-Blütentherapie - IGeL Monitor   https://www.igel-monitor.de/fileadmin/user_upload/Bach-Bluetentherapie_Erstbewertung_Synthese_und_Ergebnisbericht.pdf

Podcast WDR Science Cops: Die Akte Bachblüten: Ein Blumenstrauß voll Blödsinn, 13.08.2022

Gösmeier, Ina: Bach-Blüten-Therapie für Pferde S. 15 ff., 2008 Sonntag Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Bachblüten für Katzen: Wundermittel bei Stress oder doch nur Humbug? - Zooplus https://www.zooplus.de/magazin/katze/katzengesundheit-pflege/bachblueten-fuer-katzen

 

[zu: Tryptophan]

Ansante-Odame, G.: How safe and effective is Tryptophan in improving sleep in healthy individuals with mild sleep disorders? (2015) Philadelphia College of Osteopathic Medicine https://digitalcommons.pcom.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1205&context=pa_systematic_reviews

A systematic review of the effect of l-tryptophan supplementation on mood and emotional functioning (PubMed) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32272859/

Sechi et al. Effects in dogs with behavioural disorders of a commercial nutraceutical diet on stress and neuroendocrine parameters, 2017  (PubMed) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27885066/

DENAPOLI J. S., DODMAN N. H., SHUSTER L., RAND W. M. & GROSS K. L. (2000) Effect of dietary protein content and tryptophan supplementation on dominance aggression, territorial aggression, and hyperactivity in dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association   https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10953712/

 

[zu: Schüssler-Salze]

Quarks: Die Akte Schüßler-Salze: Unsinn aus dem 19. Jahrhundert. (Podcast) Quarks Science Cops Folge 45. In: Science Cops. WDR, 29. November 2022

Robert Jütte: Homöopathie und Nationalsozialismus: Letztendlich keine Aufwertung der Homöopathie. Deutsches Ärzteblatt, 21. Februar 2014

 H. Jörgensen: Das nervige Pferd https://vdtt.org/blog/das-nervige-pferd/ , VdTT Berufsverband für Tierverhaltensberater und Tiertrainer e.V.

Ehorses.de:  Mineralfutter für Pferde https://www.ehorses.de/magazin/partner/mineralfutter-pferd/?hl=de-DE

Krämer.de: Pferdefütterung – Die Basics  https://www.kraemer.de/ratgeber/pferdefutter-basics?hl=de-DE

 

[zu: CBD] 

J.Gerdes, TFA-Wissen (2025): Vergiftungen mit Cannabis  https://www.tfa-wissen.de/vergiftungen-mit-cannabis?utm_source=Newsletter&utm_medium=email&utm_content=Vergiftung+mit+Cannabis&utm_campaign=NL_TFA_2025-08-06

Flexikon DocCheck: Cannabidiol  https://flexikon.doccheck.com/de/Cannabidiol 

CBD VITAL: CBD Extraktion – Methoden im Überblick  https://www.cbd-vital.de/magazin/cbd-basiswissen/cbd-extraktion-methoden-im-ueberblick 

Neurogan: Full Spectrum CBD vs. Isolate CBD  https://neurogan.com/blogs/news/full-spectrum-vs-cbd-isolate 

Wikipedia (Endocannabinoid System):  https://en.wikipedia.org/wiki/Endocannabinoid_system 

PubMed Central: The Endocannabinoid System of Animals  https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6770351/ 

Dutch Natural Healing: Wie wirkt CBD im Körper- Das Endocannabinoid-System (ECS) erklärt  https://dutchnaturalhealing.com/blogs/cbd/how-cbd-works-endocannabinoid-system-ecs-explained 

Neurogan Pets: Does CBD Help With Aggressive Cats? https://neuroganpets.com/blogs/cats/cbd-products-to-help-your-cats-aggression 

DEGRO: CBD-Öl zeigt keine Verbesserung bezüglich Lebensqualität, depressiven Symptomen oder Angst gegenüber Placebo bei palliativen Krebspatient:innen   https://www.degro.org/nebenwirkungen/2023/07/03/cbd-oel-zeigt-keine-verbesserung-bezueglich-lebensqualitaet-depressiven-symptomen-oder-angst-gegenueber-placebo-bei-palliativen-krebspatientinnen/ 

R.Zhekova et.al, 2024: The impact of cannabidiol placebo on responses to an acute stressor: A replication and proof of concept study, PubMed Central: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10851629/

D. Reich auf Nordicoil, 2025: Mögliche Nebenwirkungen von CBD bei Hunden - Was Sie wissen sollten https://www.nordicoil.de/blogs/cbd-fuer-tiere/moegliche-nebenwirkungen-von-cbd-bei-hunden-was-sie-wissen-sollten 

N. Masataka, 2025 : Possible Anxiolytic Effects of Cannabidiol (CBD) Administration on Feline Responses to a Fear Response Test, PubMed Central: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12153555/

Rechenweg Beispiel "Katze": Benötigte Tagesdosis von 20 mg CBD (für eine 5 kg schwere Katze bei 4 mg/kg). Eine 10-ml-Flasche mit 2% CBD-Öl enthält 200 mg CBD. Bei durchschnittlich 250 Tropfen pro 10 ml Flasche beträgt der CBD-Gehalt pro Tropfen: 200 mg / 250 Tropfen = 0,8 mg CBD pro Tropfen. Um die erforderlichen 20 mg CBD zu erreichen, benötigt man: 20 mg / 0,8 mg/Tropfen = 25 Tropfen

 

[zu: Alpha-Casozepin] 

Royal Canin: Emotionale Balance bei Hunden und Katzen - Wissenschaftliche Informationen für Tierärzte  https://www.tiershop.de/out/media/PB-Calm.pdf

Dr. Glenn Tobiansky, 2025: Zylkene Guide: Does It Actually Work?  https://petbehaviourservices.com.au/articles/zylkene-guide-does-it-work?hl=de-DE 

(Auflistung folgt...)

 

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